Der Froschkönig

 

In den alten Zeiten, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön; aber die jüngste war so schön, dass sich die Sonne selber, die doch schon so vieles gesehen hat, verwunderte, sooft sie ihr ins Gesicht schien. Nahe bei dem Schlosse des Königs lag ein großer, dunkler Wald, und in dem Walde unter einer alten Linde war ein Brunnen. Wenn nun der Tag sehr heiß war, ging das Königskind hinaus in den Wald und setzte sich an den Rand des kühlen Brunnens, und wenn sie Langeweile hatte, nahm sie eine goldene Kugel, warf sie in die Höhe und fing sie wieder; und das war ihr liebstes Spielwerk.

Nun trug es sich einmal zu, dass die goldene Kugel der Königstochter nicht in ihr Händchen fiel, das sie in die Höhe gehalten hatte, sondern vorbei auf

die Erde schlug und geradezu ins Wasser hineinrollte. Die Königstochter folgte ihr mit den Augen nach, aber die Kugel verschwand, und der Brunnen war tief, so tief, dass man keinen Grund sah. Da fing sie an zu weinen und weinte immer lauter und konnte sich gar nicht trösten. Und wie sie so klagte, rief ihr jemand zu: ,,Was hast du vor, Königstochter? Du schreist ja, dass sich ein Stein erbarmen möchte." Sie sah sich um, woher die Stimme kam, da erblickte sie einen Frosch, der seinen dicken, hässlichen Kopf aus dem Wasser streckte. ,,Ach, du bist's, alter Wasser-patscher?" sagte sie. ,,Ich weine über meine goldene Kugel, die mir in den Brunnen hinabgefallen ist." - ,,Sei still und Weine nicht", antwortete der Frosch, ,,ich kann wohl Rat schaffen; aber was gibst du mir, wenn ich dein Spielwerk wieder heraufhole?" - ,,Was du haben willst, lieber Frosch", sagte sie, ,,meine Kleider, meine Perlen und Edelsteine, auch noch die goldene Krone, die ich trage." Der Frosch antwortete: ,,Deine Kleider, deine Perlen und Edelsteine und deine goldene Krone, die mag ich nicht; aber wenn du mich lieb haben willst, und ich soll dein Geselle und Spielkamerad sein, an deinem Tischlein neben dir sitzen, von deinem goldenen Tellerlein essen, aus deinem Becherlein trinken, in deinem Bettlein schlafen, wenn du mir das versprichst, so will ich hinunterspringen und dir die goldene Kugel wieder heraufholen." -,,Ach ja", sagte sie, ,,ich verspreche dir alles, was du willst, wenn du mir nur die Kugel wiederbringst." Sie dachte aber: ,,Was der einfältige Frosch schwätzt! Der sitzt im Wasser bei seinesgleichen und quakt und kann keines Menschen Geselle sein."

Der Frosch, als er die Zusage erhalten hatte, tauchte seinen Kopf unter, sank hinab, und über ein Weilchen er wieder heraufgerudert, hatte die Kugel im Maul und warf sie ins Gras. Die Königstochter war voll Freude, als sie ihr schönes Spielwerk wieder erblickte, hob es auf und sprang damit fort. ,,Warte, warte", rief der Frosch, ,,nimm mich mit, ich kann nicht so laufen wie du!" Aber was half es ihm, dass er ihr sein ,,Quak Quak" so laut nachschrie, als er konnte! Sie hörte nicht darauf, eilte nach Hause und hatte den armen Frosch vergessen, der wieder in seinen Brunnen hinabsteigen musste.

Am andern Tage, als sie sich mit dem König und allen Hofleuten zur Tafel gesetzt hatte und von ihrem goldenen Tellerlein aß, da kam, plitsch platsch, plitsch platsch, etwas die Marmortreppe heraufgekrochen, und als es oben angelangt war, klopfte es an die Tür und rief: ,,Königstochter, jüngste, mach' mir auf"' Sie lief und wollte sehen, wer draußen wäre; als sie aber aufmachte, saß der Frosch davor. Da warf sie die Tür hastig zu, setzte sich wieder an den Tisch, und war ihr ganz angst. Der König sah wohl, dass ihr das Herz gewaltig klopfte, und sprach: ,,Mein Kind, was fürchtest du dich? Steht etwa ein Riese vor der Tür und will dich holen?" - ,,Ach nein", antwortete sie, ,,es ist kein Riese, sondern ein garstiger Frosch." - ,,Was will der Frosch von dir?" - ,,Ach lieber Vater, als ich gestern im Wald bei dem Brunnen saß und spielte, da fiel meine goldene Kugel ins Wasser. Und weil ich so weinte, hat sie der Frosch wieder heraufgeholt, und weil er es durchaus verlangte, so versprach ich ihm, er solle mein Geselle werden; ich dachte aber nimmermehr dass er aus seinem Wasser herauskönnte. Nun ist er draußen und will zu mir herein." Indem klopfte es zum zweitenmal und rief:

,,Königstochter, jüngste,

Mach' mir auf!

Weißt du nicht, was gestern

Du zu mir gesagt

Bei dem kühlen Brunnenwasser?

Königstochter, jüngste,

Mach' mir auf!"

Da sagte der König: ,,Was du versprochen hast, das musst du auch halten; geh' nur und mach' ihm auf." Sie ging und öffnete die Tür; da hüpfte der Frosch herein, ihr immer auf dem Fuße nach, bis zu ihrem Stuhl. Da saß er und rief: ,,Heb' mich hinauf zu dir!" Sie zauderte, bis es endlich der König befahl. Als der Frosch erst auf dem Stuhle war, wollte er auf den Tisch, und als er da saß, sprach er: ,,Nun schieb mir dein goldenes Tellerlein näher, damit wir zusammen essen." Das tat sie zwar, aber man sah wohl, dass sie's nicht gern tat. Der Frosch ließ sich's gut schmecken, aber ihr blieb fast jedes Bisslein im Halse. Endlich sprach er: ,,Ich habe mich satt gegessen und bin müde, nun trag mich in dein Kämmerlein und mach' dein seiden Bettlein zurecht, da wollen wir uns schlafen legen." Die Königstochter fing an zu weinen und fürchtete sich vor dem kalten Frosch, den sie sich nicht anzurühren getraute, und der nun in ihrem schönen, reinen Bettlein schlafen sollte. Der König aber ward zornig und sprach: ,,Wer dir geholfen hat, als du in der Not warst, den sollst du hernach nicht verachten." Da packte sie ihn mit zwei Fingern, trug ihn hinauf und setzte ihn in eine Ecke. Als sie aber im Bette lag, kam er gekrochen und sprach: ,,Ich bin müde, ich will schlafen so gut wie du; heb' mich hinauf, oder ich sag's deinem Vater." Da ward sie erst bitterböse, holte ihn herauf, warf ihn aus allen Kräften wider die Wand und sagte: ,,Nun wirst du Ruhe haben, du garstiger Frosch!" Als er aber herabfiel, war er kein Frosch, sondern ein Königssohn mit schönen, freundlichen Augen. Der war nun nach ihres Vaters Willen ihr lieber Geselle und Gemahl. Da erzählte er ihr, er wäre von einer bösen Hexe verwünscht worden, und niemand hätte ihn aus dem Brunnen erlösen können als sie allein, und morgen wollten sie zusammen in sein Reich gehen. Dann schliefen sie ein, und am andern Morgen, als die Sonne sie aufweckte, kam ein Wagen herangefahren mit acht weißen Pferden bespannt, die hatten weiße Straußenfedern auf dem Kopfe und gingen in goldenen Ketten, und hinten stand der Diener des jungen Königs, das war der treue Heinrich. Der treue Heinrich hatte sich so betrübt, als sein Herr in einen Frosch verwandelt worden war, dass er drei eiserne Bande hatte um sein Herz legen lassen, damit es ihm nicht vor Weh und Traurigkeit zerspränge. Der Wagen aber sollte den jungen König in sein Reich abholen; der treue Heinrich hob beide hinein, stellte sich wieder hinten auf und war voller Freude über die Erlösung. Und als sie ein Stück Wegs gefahren waren, hörte der Königssohn, dass es hinter ihm krachte, als wäre etwas zerbrochen. Da drehte er sich um und rief: ,,Heinrich, der Wagen bricht!"

,,Nein, Herr, der Wagen nicht,

Es ist ein Band von meinem Herzen,

Das da lag in großen Schmerzen,

Als Ihr in dem Brunnen saßt,

Als Ihr ein Frosch wart."

Noch einmal und noch einmal krachte es auf dem Wege, und der Königssohn meinte immer, der Wagen bräche, und es waren doch nur die Bande, die vom Herzen des treuen Heinrich absprangen, weil sein Herr erlöst und glücklich war.

 

Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen 

Einst ging ein Junge aus dem Haus in unbekannte Ferne. Zog in die weite Welt hinaus das Fürchten zu lernen. In einem grossen, fremden Land ein altes Schlossgemäuer auf einem hohen Berge stand, dort war es nicht geheuer. Da dacht` der junge Wandersmann, vielleicht wird es gelingen, mir in dem Schlosse obenan das Fürchten beizubringen. Er nahm nur einen Schraubenstock mit, ein Messer und ein Feuer, sodann ging er mit festem Schritt ins alte Schlossgemäuer. Schnell hat das Feuer er entfacht in einer dunklen Kammer, und als es schlug Mitternacht, da erhob sich ein Gejammer! Es heulte, jaulte und es schrie zugleich aus allen Ecken. Ein riesengroßes Katzenvieh, das wollte ihn erschrecken. Dann packt` er schnell es beim Genick und an der Vordertatze, und schleuderte ins Eck zurück, die schwarze Geisterkatze. Da fiel ein Gespenst aus dem Kamine, das fing sofort sehr hässlich zu toben an, zu fluchen mit böser Mien` und benahm sich einfach grässlich! Der Junge schrie: "He du Gesell! Es wäre für dich besser, wenn du flüchtest, aber schnell!" Dann griff er nach dem Messer. Und mochte das Gespenst auch schreien, er fasste fest am Kragen, spannte es in einen Schraubstock ein. Da fing es an zu klagen: "Oh, schone mich, ich will dir gleich die schönsten Schätze zeigen, dann bist du plötzlich mächtig reich, sie seien dir zu eigen!"
Und so geschah es - das Schlossgespenst führt ihn zu einem Platze, wo ringsum alles gleißt und  glänzt von einem grossen Schatze. Es hat sich das Gespenst sodann durch den Kamin entfernt. Doch nun hatte der Wandersmann das Fürchten nicht gelernt. Schnell packte er die Schätze ein, besorgte sich ein Ross und ritt auf diesem querfeldein, hin zu des Königs Schloss. Des Königs Boten hatten schon die Kunde gebracht, drum hat zu seinem Schwiegersohn der König ihn gemacht. 
Einst sprach die junge Königin, die nun mit ihm vermählt: "Dir ist so traurig oft der Sinn. Oh, sag mir, was dich quält!" Er seufzte tief und sah sie an, worauf er traurig spricht: "Dass ich mich niemals fürchten kann, begreif` ich einfach nicht! Oh gruselte es mir einmal, wie fröhlich wollt` ich sein. Vorüber wären alle Qual, die Traurigkeit und Pein." Da hat die Königin gelacht und sagte froh: "Es sei! Ich bringe dir noch heute nacht bestimmt das Gruseln bei." Und als der König fest und tief und völlig ahnungslos in seinem goldenen Bette schlief, da - plitsche, platsche, goss sein angetrautes Eheweib, die junge Königin, ihm kaltes Wasser auf den Leib, mit lauter Fischlein drin! Mit einem Schrei erhob er sich und schrie sogleich darauf: "Es gruselt mir, ich fürchte mich! Oh, bitte, höre auf!" So wurd` durch seines Weibes List der König schnell kuriert. Er wusst` fortan was Fürchten ist, und hat noch lang regiert.      

Die Bremer Stadtmusikanten 

Es hatte ein Mann einen Esel, der schon lange Jahre die Säcke unverdrossen zur Mühle getragen hatte, dessen Kräfte aber nun zu Ende gingen, so dass er zur Arbeit immer untauglicher ward. Da dachte der Herr daran, ihn aus dem Futter zu schaffen. Aber der Esel merkte, dass kein guter Wind wehte, lief fort und machte sich auf den Weg nach Bremen. Dort,meinte er, könnte er ja Stadtmusikant werden. Als er ein Weilchen gegangen war, fand er einen Jagdhund am Wege liegen, der japste wie einer, der sich müde gelaufen hat. „Nun, was jappst du so, Packan?“ fragte der Esel. - „Ach“, sagte der Hund, „weil ich so alt bin und jeden Tag schwächer werde, auch auf der Jagd nicht mehr fort kann, hat mich mein Herr totschlagen wollen. Da habe ich Reißaus genommen. Aber womit soll ich jetzt mein Brot verdienen?“ - „Weißt du was“, sprach der Esel, „ ich gehe nach Bremen und werde Stadtmusikant; geh` doch mit und lass dich bei der Musik annehmen. Ich spiele die Laute, und du schlägst die Pauken“. Der Hund war zufrieden und sie gingen weiter. Es dauerte nicht lange, so saß da eine Katze an dem Weg und machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. ,,Nun, was ist dir in die Quere gekommen, alter Bartputzer?" sprach der Esel. ,,Wer kann da lustig sein, wenn's einem an den Kragen geht?" antwortete die Katze. ,,Weil ich nun zu Jahren komme, meine Zähne stumpf werden und ich lieber hinter dem Ofen sitze und spinne als nach Mäusen herumjage, hat mich meine Frau ersäufen wollen; ich habe mich zwar noch fort gemacht, aber nun ist guter Rat teuer: wo soll ich hin?" -,,Geh' mit uns nach Bremen, du verstehst dich doch auf die Nachtmusik, da kannst du ein Stadtmusikant werden." Die Katze hielt das für gut und ging mit. Darauf kamen die drei Landesflüchtigen an einem Hof vorbei, da saß auf dem Tor der Haushahn und schrie aus Leibeskräften. ,,Du schreist einem durch Mark und Bein", sprach der Esel, ,,was hast du vor?" - ,,Da hab' ich gut Wetter prophezeit", sprach der Hahn, ,,weil unserer lieben Frauen Tag ist, wo sie dem Christkindlein die Hemdchen gewaschen hat und sie trocknen will; aber weil morgen zum Sonntag Gäste kommen, so hat die Hausfrau doch kein Erbarmen und hat der Köchin gesagt, sie wollten mich morgen in der Suppe essen, und da soll ich mir heut' Abend den Kopf abschneiden lassen. Nun schrei' ich aus vollem Hals, solang' ich noch kann." - ,,Ei was, du Rotkopf", sagte der Esel, ,,zieh' lieber mit uns fort; wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall; du hast eine gute Stimme, und wenn wir zusammen musizieren, so muss es eine Art haben." Der Hahn war einverstanden und sie gingen alle viere zusammen fort. Sie konnten die Stadt Bremen in einem Tag jedoch nicht erreichen und kamen abends in den Wald, wo sie übernachten wollten. Der Esel und der Hund legten sich unter einen großen Baum, die Katze und der Hahn machten sich auf die Äste. Der Hahn aber flog bis in die Spitze, wo es am sichersten für ihn war. Ehe er einschlief, sah er sich noch einmal nach allen vier Winden um; da dünkte ihn, er sähe in der Ferne ein Fünkchen brennen, und er rief seinen Gesellen zu, es müsste nicht gar weit ein Haus sein, denn es schiene ein Licht. Sprach der Esel: „ So müssen wir uns aufmachen und noch hingehen, denn hier ist die Herberge schlecht“. Der Hund meinte, etwas Knochen mit Fleisch dran täten ihm auch gut. Nun machten sie sich auf den Weg, in die Gegend, wo das Licht war, und es ward immer größer , bis sie vor ein hell erleuchtetes Räuberhaus kamen. Der Esel näherte sich dem Fenster und schaute hinein. „Was siehst du da?“, fragte der Hahn. – „Was ich sehe?“ antwortete der Esel, „ einen gedeckten Tisch mit schönem Essen und Trinken, und Räuber sitzen daran und lassen es sich wohl ergehen.“ – „Das wäre was für uns“, antwortete der Hahn. – „Ja, ja, ach, wären wir da!“ sagte der Esel. Da ratschlagten die Tiere, wie sie es anfangen könnten, um die Räuber hinauszujagen, und sie fanden endlich ein Mittel. Der Esel musste sich mit den Vorderfüssen auf das Fenster stellen, der Hund auf des Esels Rücken springen, die Katze auf den Hund klettern, und endlich flog der Hahn hinauf und setzte sich der Katze auf den Kopf. Wie das geschehen war, fingen sie auf ein Zeichen hin an ihre Musik zu machen: der Esel schrie, der Hund bellte, die Katze miaute und der Hahn krähte. Dann stürzten sie durch das Fenster in die Stube hinein, dass die Scheiben klirrten. Die Räuber fuhren bei dem entsetzlichen Geschrei in die Höhe, meinten nicht anders, als ein Gespenst käme herein, und sie flohen in größter Furcht. Nun setzten sich die vier an den Tisch, nahmen mit dem vorlieb, was übriggeblieben war, und aßen, als wenn sie vier Wochen lang hungern sollten. Wie die vier Spielleute fertig waren, löschten sie das Licht aus und suchten sich eine Schlafstätte, jeder nach seiner Natur und Bequemlichkeit. Der Esel legte sich auf den Mist, der Hund hinter die Tür, die Katze auf den Herd an die warme Asche, der Hahn setzte sich auf den Hahnenbalken. Und weil sie so müde waren von ihrem langen Weg, schliefen sie auch bald ein. Als Mitternacht vorbei war und die Räuber von weitem sahen, dass kein Licht mehr im Haus war, auch alles ruhig schien, sprach der Hauptmann : “Wir hätten uns nicht so ins Bockshorn jagen lassen sollen“, und hieß einen hingehen und das Haus untersuchen. Der Abgeschickte fand alles still, ging in die Küche ein Licht anzünden, und weil er die glühenden, feurigen Augen der Katze für richtige Kohlen ansah, hielt er ein Schwefelhölzchen daran, dass es Feuer fangen sollte. Aber die Katze verstand keinen Spaß, sprang ihm ins Gesicht, spie und kratzte. Da erschrak der Räuber gewaltig, lief und wollte zur Haustür hinaus. Aber der Hund, der da lag, sprang auf und biss ihm ins Bein; und als er über den Hof an dem Mist vorbeirannte, gab ihm der Esel noch einen tüchtigen Schlag mit dem Hinterfuß. Der Hahn aber, der vom Lärmen aus dem Schlaf geweckt und munter geworden war, rief vom Balken herab: „Kikeriki!“ Da lief der Räuber was er konnte zu seinem Hauptmann zurück und sprach: „ Ach, in dem Haus sitzt eine gräuliche Hexe, die hat mich angefaucht und mit ihren langen Fingern das Gesicht zerkratzt; und vor der Türe steht ein Mann mit einem Messer, der hat mich ins Bein gestochen. Und auf dem Hof liegt ein schwarzes Ungetüm, das hat mit einer Holzkeule auf mich los geschlagen; und oben auf dem Dach, da sitzt der Richter, der rief : Bringt mir den Schelm her! Da machte ich schleunigst, dass ich fortkam. Von nun an getrauten sich die Räuber nicht weiter in das Haus. Den vier Bremer Stadtmusikanten gefiel es aber so gut darin, dass sie nicht wieder hinaus wollten.

Das Mädchen mit den Schwefelhölzern 

Es war entsetzlich kalt; es schneite, und der Abend dunkelte bereits; es war der letzte Abend im Jahre, Silvesterabend. In dieser Kälte und in dieser Finsternis ging auf der Straße ein kleines armes Mädchen mit bloßen Kopfe und nackten Füßen. Es hatte wohl freilich Pantoffel angehabt, als es von Hause fortging, aber was konnte das helfen! Es waren sehr große Pantoffeln, sie waren früher von seiner Mutter gebraucht worden, so groß waren sie, und diese hatte die Kleine verloren, als sie über die Straße eilte, während zwei Wagen in rasender Eile vorüberjagten; der eine Pantoffel war nicht wiederaufzufinden und mit dem anderen machte sich ein Knabe aus dem Staube, welcher versprach, ihn als Wiege zu benutzen, wenn er einmal Kinder bekäme.
Da ging nun das kleine Mädchen auf den nackten zierlichen Füßchen, die vor Kälte ganz rot und blau waren. In ihrer alten Schürze trug sie eine Menge Schwefelhölzer und ein Bund hielt sie in der Hand. Während des ganzen Tages hatte ihr niemand etwas abgekauft, niemand ein Almosen gereicht. Hungrig und frostig schleppte sich die arme Kleine weiter und sah schon ganz verzagt und eingeschüchtert aus. Die Schneeflocken fielen auf ihr langes blondes Haar, das schön gelockt über ihren Nacken hinabfloss, aber bei diesem Schmucke weilten ihre Gedanken wahrlich nicht. Aus allen Fenstern strahlte heller Lichterglanz und über alle Straßen verbreitete sich der Geruch von köstlichem Gänsebraten. Es war ja Silvesterabend, und dieser Gedanke erfüllte alle Sinne des kleinen Mädchens.
In einem Winkel zwischen zwei Häusern, von denen das eine etwas weiter in die Straße vorsprang als das andere, kauerte es sich nieder. Seine kleinen Beinchen hatte es unter sich gezogen, aber es fror nur noch mehr und wagte es trotzdem nicht, nach Hause zu gehen, da es noch kein Schächtelchen mit Streichhölzern verkauft, noch keinen Heller erhalten hatte. Es hätte gewiss vom Vater Schläge bekommen, und kalt war es zu Hause ja auch; sie hatten das bloße Dach gerade über sich, und der Wind pfiff schneidend hinein, obgleich Stroh und Lumpen in die größten Ritzen gestopft waren. Ach, wie gut musste ein Schwefelhölzchen tun! Wenn es nur wagen dürfte, eins aus dem Schächtelchen herauszunehmen, es gegen die Wand zu streichen und die Finger daran zu wärmen! Endlich zog das Kind eins heraus. Ritsch! wie sprühte es, wie brannte es. Das Schwefelholz strahlte eine warme helle Flamme aus, wie ein kleines Licht, als es das Händchen um dasselbe hielt. Es war ein merkwürdiges Licht; es kam dem kleinen Mädchen vor, als säße es vor einem großen eisernen Ofen mit Messingbeschlägen und Messingverzierungen; das Feuer brannte so schön und wärmte so wohltuend! Die Kleine streckte schon die Füße aus, um auch diese zu wärmen - da erlosch die Flamme. Der Ofen verschwand - sie saß mit einem Stümpfchen des ausgebrannten Schwefelholzes in der Hand da.
Ein neues wurde angestrichen, es brannte, es leuchtete, und an der Stelle der Mauer, auf welche der Schein fiel, wurde sie durchsichtig wie ein Flor. Die Kleine sah gerade in die Stube hinein, wo der Tisch mit einem blendend weißen Tischtuch und feinem Porzellan gedeckt stand, und köstlich dampfte die mit Pflaumen und Äpfeln gefüllte, gebratene Gans darauf. Und was noch herrlicher war, die Gans sprang aus der Schüssel und watschelte mit Gabel und Messer im Rücken über den Fußboden hin; gerade die Richtung auf das arme Mädchen schlug sie ein. Da erlosch das Schwefelholz, und nur die dicke kalte Mauer war zu sehen.
Sie zündete ein neues an. Da saß die Kleine unter dem herrlichsten Weihnachtsbaum; er war noch größer und weit reicher ausgeputzt als der, den sie am Heiligabend bei dem reichen Kaufmann durch die Glastür gesehen hatte. Tausende von Lichtern brannten auf den grünen Zweigen, und bunte Bilder, wie die, welche in den Ladenfenstern ausgestellt werden, schauten auf sie hernieder, die Kleine streckte beide Hände nach ihnen in die Höhe - da erlosch das Schwefelholz. Die vielen Weihnachtslichter stiegen höher und höher, und sie sah jetzt erst, dass es die hellen Sterne waren. Einer von ihnen fiel herab und zog einen langen Feuerstreifen über den Himmel.
"Jetzt stirbt jemand!" sagte die Kleine, denn die alte Großmutter, die sie allein freundlich behandelt hatte, jetzt aber längst tot war, hatte gesagt: "Wenn ein Stern fällt, steigt eine Seele zu Gott empor!"
Sie strich wieder ein Schwefelholz gegen die Mauer; es warf einen weiten Lichtschein ringsumher, und im Glanze desselben stand die alte Großmutter hell beleuchtet mild und freundlich da.
"Großmutter!" rief die Kleine, "oh, nimm mich mit dir! Ich weiß, dass du verschwindest, sobald das Schwefelholz ausgeht, verschwindest, wie der warme Kachelofen, der köstliche Gänsebraten und der große flimmernde Weihnachtsbaum!" Schnell strich sie den ganzen Rest der Schwefelhölzer an, die sich noch im Schächtelchen befanden, sie wollte die Großmutter festhalten; und die Schwefelhölzer verbreiteten einen solchen Glanz, dass es heller war als am lichten Tag. So schön, so groß war die Großmutter nie gewesen; sie nahm das kleine Mädchen auf ihren Arm, und hoch schwebten sie empor in Glanz und Freude; Kälte, Hunger und Angst wichen von ihm - sie war bei Gott.
Aber im Winkel am Hause saß in der kalten Morgenstunde das kleine Mädchen mit roten Wangen, mit Lächeln um den Mund - tot, erfroren am letzten Tage des alten Jahres. Der Morgen des neuen Jahres ging über der kleinen Leiche auf, die mit den Schwefelhölzern, wovon fast ein Schächtelchen verbrannt war, dasaß. "Sie hat sich wärmen wollen!" sagte man. Niemand wusste, was sie schönes gesehen hatte, in welchem Glanze sie mit der alten Großmutter zur Neujahrsfreude eingegangen war.


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